Kinder­orthopädie

Kinder­orthopädie

Im Gegensatz zu den Erwachsenen kommen Kinder nicht von selber in die Praxis und äußern ganz gezielt ein Leiden, sondern werden von Ihren Eltern gebracht.

In der Regel sind den Eltern, Kinderärzten, Erziehern oder weiteren Familienangehörigen Augenscheinlichkeiten auffällig geworden. Hierbei ist es nicht immer einfach, dem Behandlungswunsch von Eltern bei einem evtl. nicht vorhandenen Krankheitsbild nachzukommen.

Kiss Syndrom

KISS Syndrom ist eine Abkürzung für Kopfgelenksinduzierte Symetriestörung. Wissenschaftlich ist die Existenz eines Kiss Syndroms bis heute nicht bewiesen, daher gibt es auch verschiedene Therapieformen. Da die Existenz des Kiss Syndromes nicht unumstritten ist, sind dies auch die Therapien. Wir sehen gehäuft Kinder mit typischen Vorgeschichten (z.B. Schwangerschaft, Geburt) welche dann häufig ähnliche Symptome und Verhaltensmuster zeigen. Im ganzen haben wir eine Modellvorstellung der Blockade und ihrer Auswirkungen, führt die Behandlung zum Erfolg, kann man letztendlich erst im Nachhinein sicher sein, das etwas geklemmt hat. Die wahrscheinlich angeborene, oder auch während des Geburtsvorgangs erworbene Kopfgelenksblockierung findet sich bei 10 bis 20% aller Neugeborenen. Hierbei sind Mehrlingsgeburten als auch Kaiserschnitte führend. Ebenso schnelle Geburten sowie verlängerte Geburten und unter der Zunahme von Hilfsmitteln wie Zange oder Saugglocke sowie den Druck der Hebamme auf den Oberbauch der Mutter (Kristellersche Handgriff). Babys fallen durch eine Vorzugshaltung auf. Sie schauen überwiegend zu einer Seite. Wird im Schlaf der Kopf zur anderen Seite gedreht, fällt er automatisch zurück. Es kommt über die Wochen zu einer Abflachung des Hinterhauptes an einer Seite. Ganz wenige Kinder überstrecken sich C-förmig nach hinten. Hierbei kommt es zu einer Abflachung des Hinterhauptes in der Mitte des Schädels. Die meistens Kinder sind auch sonst auffällig. Es gibt Trinkschwierigkeiten, häufig speziell an einer Brust. Sie sabbern viel, sind Speikinder, sind unruhig, weinen häufig und haben ihre 3-Montaskoliken schon lange vor Erreichen des 3. Lebensmonats.

Kleinkinder halten die einseitige Kopfschiefhaltung bei. Dies fällt den Eltern häufig dann nicht mehr auf, da sie sich daran gewöhnt haben. Diese Kinder sind häufig unruhig, impulsiv, leicht reizbar, haben keine Ausdauer, bestimmte Dinge zu Ende zu bringen. Die Handgeschicklichkeit lässt zu wünschen übrig. Häufig fehlt der Mundschluss, sie schnarchen häufig und sind bei Vorstellung in unserer Praxis manchmal schon an den Polypen operiert worden, dabei hat sich danach nichts geändert. Manche Kinder werden daher dann als „Hans-Guck-in die Luft oder Zappelphilipp„ unter dem Sammelbegriff ADHS abgelegt und mit Medikamenten ruhig gestellt.

Anatomisch fehlen zwischen der Schädelbasis und dem 1. Halswirbel und zwischen dem 1. und 2. Halswirbel die Bandscheiben. Entwicklungsgeschichtlich muss man also davon ausgehen, dass der 1. Halswirbel eine verknöcherte Bandscheibe ist. Im Röntgenbild erscheint diese 3-eckförmig. Liegt der Kopf als Kugel in dieser Schale, ist die Beweglichkeit in allen Richtungen frei. Ist diese Schale aber in der Ebene verschoben oder verkippt, kann der Kopf sich auf dieser nicht frei bewegen. Hierbei wirkt der 1. Halswirbel wie ein Hemmschuh unter dem LKW-Reifen. Wird dieser Hemmschuh entfernt, kann der Reifen weiter rollen. Diese spezielle Mobilisationstechnik wird nur von wenigen Therapeuten beherrscht und ist bei sachgemäßer Diagnostik und Anwendung bisher ohne Risiken und Nebenwirkung. Hierbei kann nicht immer auf ein Röntgenbild verzichtet werden.

Klumpfußtherapie nach Ponzetti

Der angeborene Klumpfuß ist eines der ältesten Krankheitsbilder in der Orthopädie. Er ist bei Geburt augenscheinlich. Während bis weit in die 80-iger Jahre hinein der Klumpfuß ein schweres angeborenes Leiden darstellte, welches in über 90% mit einem langen Leidensweg mit Operationen, langwieriger Orthesenbehandlung und Einlagenversorgung sowie Spezialschuhbehandlung einher ging, hat sich die Therapie seit gut 10 Jahren erheblich gewandelt. Bereits in den 60-iger Jahren publizierte Herr Dr. Ponzetti eine spezielle Gipsredressionsmethode. Seine damalige Publikation war jedoch so schlecht, dass sie nicht wahrgenommen wurde. Erst Anfang der 90-iger Jahre wurden langfristige Behandlungsergebnisse mit außerordentlich guten Ergbnissen wie Schmerzfreiheit, Beweglichkeit im Sprunggelenk, Versorgung mit Konfektionsschuhwerk bekannt, so dass seit diesem Zeitpunkt die ganze Welt die Redressionsmethode nach Herrn Dr. Ponzetti anwendet. Ich hatte die große Freude, mir von dem Pionier der Ponzetti-Redressionsmethode in Deutschland, Herrn Dr. Mark in Hamburg, mir dies zeigen zu lassen und führe sie mit großem Erfolg seit dem durch.

Hüftdysplasie

Bis Anfang der 80-iger Jahre brauchte es einen sehr erfahrenen Untersucher oder ein Röntgenbild um bei einem Kleinkind eine angeborene Hüftreifungsverzögerung festzustellen. Seit dem hat sich die Ultraschalldiagnostik, welche seit gut 20 Jahren auch Bestandteil der Früherkennungsuntersuchung U3 ist, durchgesetzt. Hierbei kann untersucherunabhängig mit einem Ultraschallgerät der Reifungsgrad der Hüftpfanne dargestellt werden. Die Untersuchung geht schnell, ist nebenwirkungsfrei und kann beliebig häufig wiederholt werden und ergibt ein sicheres Ergebnis. Die somit früh erkannten Hüftreifungsverzögerungen werden mit einer Hüftspreizhose behandelt und so lange nachkontrolliert, bis diese ausgereift sind.

Fersenschmerz

Hier handelt es sich um eines der wenigen Krankheitsbilder, in welchem der kleine Patient auch selbstständig zum Dr. geht und ihm erklären kann, was ihm weh tut. In der Regel sind die Beschwerden nur einseitig, selten beidseitig. Die Beschwerden sind meistens, aber nicht ausschließlich belastungsabhängig und unter der Ferse sowie an der Innen- und Außenseite der Ferse, betreffen ganz selten auch den Wadenmuskel, zu dem die Schmerzen hochziehen. In der Untersuchung selbst zeigt sich der Fuß meistens unauffällig. In der Regel findet man eine Blockierung im Bereich der unteren Wirbelsäule oder der Kreuzdarmbeingelenke, im Beckenbereich. Diese werden manualtherapeutisch gelöst und das Kind zu einer Kontrolluntersuchung nach 6 – 8 Wochen wieder einbestellt. Sollten zu diesem Zeitpunkt immer noch Schmerzen vorliegen, besteht dann die Indikation zur Röntgenbildgebung, um andere Krankheiten auszuschließen.

Wachstumsschmerz

Wachstumsschmerz ist der Schmerz, bei dem keiner weiß, wie er zu Stande kommt. Es gibt unzählige Erklärungsmodelle. Wichtig ist, durch eine klinische, ganz selten radiologische Untersuchung andere Krankheitsbilder auszuschließen. Hilfreich ist häufig das Schüsslersalz Nr. 2, Calciumphosphorikum D6 kann für 8 Wochen täglich 2 x 2 Tabletten eingenommen werden. Es besteht auch die Möglichkeit, nach Erwärmung der Haut die betroffenen Körperstellen mit der entsprechenden Salbe einzucremen.

Einwärtsgang, Innendrehgang

Dies ist das bei weitem häufigste „Krankheitsbild“ in der kinderorthopädischen Sprechstunde. Eltern oder Angehörige ist eine Fußfehlstellung aufgefallen. Die Kinder laufen mit dem großen Zeh nach innen, in schlimmsten Fällen fallen sie auch darüber. Die Auffälligkeiten fangen in der Hüfe an. Damit das Baby im Mutterleib Platz hat, hat die Natur den Oberschenkelknochen in der Hüfte so verbogen, dass die Hüfte soweit beugbar ist, dass die Füße neben den Ohren platziert werden können. Das Kind ist in der Gebärmutter zusammengefaltet. Diese starke Drehung fällt im Säuglingsalter nicht auf, da das Kind hier noch nicht auf den Füßen steht. Sie entwickelt sich im 1. Lebensjahr in der Regel zurück. Gute 15% der Kinder halten aber eine starke Drehung im Oberschenkelknochen bei. Diese Kinder können im Zwischenfersensitz sitzen, beim Laufen zeigen Kniescheiben und Füße nach innen. In der körperlichen Untersuchung zeigt sich eine hohe Drehfähigkeit in der Hüfte mit weiter Abspreizfähigkeit, Knie und Füße sind jeweils unauffällig. Da das Innendrehen der Füße etwas mit Hüftgelenksstellung zu tun hat, kann dies nicht durch Einlagen oder sonstige Apparate verbessert werden. Bei über 80% der Kinder wächst im Laufe der Jahre diese vermehrte Einwärtsstellung aus. Nur in den wenigsten Fällen ist eine Operation gerechtfertigt.

Vorderer Knieschmerz

Der vordere Knieschmerz ist sehr häufig, je nach Studie taucht er bei 4 bis 30% aller Kinder im Kindes- und Jugendalter auf. In einer Vielzahl von Studien und Theorien kommt man immer wieder dazu, dass es sich im Wesentlichen um muskuläre Dysbalancen oder Überbeanspruchung handelt. Eine sorgfältige klinische und ggfls. bildgebende Diagnostik sollte die zu diesen Hypothesen gehörenden Befunde prüfen und weitergehende krankhafte Veränderungen ausschließen. Das Muskelungleichgewicht liegt in der Regel im Bereich der Hüftgelenksadduktoren, der Beckenmuskulatur, Blockierungen im Kreuzdarmbeingelenk und Engstellen an einem Nervenengpass im Bereich der vorderen Hüfte. Blockierungen werden durch den Manualtherapeuten gelöst, Kontrakturen aufgedehnt. In der Regel bekommt der Patient ein Hausaufgabenprogramm.

Knick-Senk-Fuß

Der Fuß ist als Greiforgan angelegt, mit dem der Mensch seinen bei jedem Schritt, aber auch im Stand ständig wechselnden Standpunkt im labilen Gleichgewicht auf unterschiedlichsten Auflagenflächen begreifen kann. Unter dem Fuß (sowie auch im Becken und in der Kopfgelenksregion) befindet sich eine Muskulatur mit einer Wahrnehmungsfunktion. Diese kann nicht, wie andere Muskulaturen den Menschen bewegen oder halten. Der Fuß und seine Muskulatur sollten nicht eingeengt werden, dadurch verändert sich der Fuß (Hallux valgus, Krallenzehe). Ein kindgerechter Schuh benötigt kein Fußbett, da ansonsten die Wahrnehmungsmuskulatur in ihrer Sensorik getäuscht wird.

Der Knickfuß ist bei einem Kleinkind bis zum Ende des 5. Lebensjahres als normal zu betrachten, wenn er sich im Zehenspitzenstand (Abstoßphase im regulären Laufzyklus) aktiv ausgleicht, d.h., die Ferse von außen nach innen hebt und das Längsgewölbe ausreichend erkennbar ist. Einlagen, die supinieren oder Längsgewölbestützen aufweisen, sind der Entwicklung eines normalen Fußes hinderlich. Hierbei wird die Muskulatur immer unterstützt und verkümmert so, so dass der Fuß dauerhaft zu einem Plattfuß wird.

Plattfuß

Die Ferse knickt aktiv nicht ausgleichbar unter Belastung in eine Valgusstellung von 20° und mehr ab, d.h., von hinten betrachtet weicht die Ferse nach außen ab. Im Zehenspitzenstand kommt sie nicht bis in den Rückfußrektus. Das Längsgewölbe ist abgeflacht und weist auf der Innenseite eine krankhafte Verschwielung auf. Der Vorfuß weicht in Abduktion ab. Ist er locker und beweglich, sollte er mit einer korrigierenden Einlage unterstützt werden. Bei Kleinstkindern ist hier eine Knöchel übergreifende Orthese für bis zu 2 Jahren das sinnvollere orthetische Hilfsmittel. Besteht ggfls eine versteckte Spitzefußkomponente, ist diese unter Physiotherapie, welche auch täglich durch die Eltern eigenständig durchgeführt werden muss, auszugleichen. Bei schweren, persistierenden Knick-Senk-Füßen mit pathologischer Beschwielung am medialen Fußrand kann ab dem 8. Lebensjahr über eine operative Korrektur nachgedacht werden. Mit Hilfe moderner Implantate erfolgte dies heute über einen 1 cm langen Hautschnitt an der Fußaußenseite. Hier wird ein Dübel in das untere Sprunggelenk eingebracht. Damit bleibt die Beweglichkeit erhalten und der Fuß wird sowohl im Rück- als auch im Mittelfuß korrigiert.

Beckenschiefstand, Beinverkürzung

Nicht alle Beine sind gleich lang. Dies ist von Natur aus aber egal. Wer steht schon zeitgleich auf beiden Beinen, außer den Männern, die Wache und Garde stehen. Da sie überwiegend auf einem Bein stehen, ist das Becken immer verkippt, die Wirbelsäule darüber kein starres Element. Mit jedem Schritt den man macht, senkt sich das Becken auf der Schwungbeinseite ab und dies im stetigen Wechselspiel. Eine Beinverkürzung ist nie schmerzhaft. Wenn sie auffällt, sollte sie im Wachstumsalter nur bei Differenzen, welche an .., cm heranragen, ausglichen werden. Weitere Funktionsstörungen mit Kopfgelenks- oder Beckenblockierungen sollten zuvor ausgeschlossen worden sein.